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BEGEGNUNG NATUR ARBEITEN 1995 - 1997

BILDER 

 Ziemlich genau nach zehn Jahren hat der nunmehr siebzigjährige Joachim Kusber seine zweite Ausstellung im Rasteder Palais. Der Titel "Begegnung mit der Natur" signalisiert, dass sich der in Braunschweig ausgebildete Künstler entschieden hat: Er setzt sich vornehmlich mit Natur und Landschaft auseinander. Kein Wunder, hat Joachim Kusber doch jahrzehntelang in der Natur nach ihren fossilen Zeugnissen gesucht - auch eine Auseinandersetzung, wenn auch anderer Art. Etwa 30 Ölbilder und 20 Aquarelle - alle innerhalb der vergangenen drei Jahre entstanden - sind zum Thema Landschaft in dieser Ausstellung zu sehen.

Ohne die ganze Geschichte der Landschaftmalerei aufrollen zu wollen, ist es doch von Interesse, sich noch einmal vor Augen zu führen, dass der Mensch seine Umwelt im Laufe der Zeiten sehr unterschiedlich rezipierte. Nicht immer war es für ihn eine Umwelt - beinhaltet doch dieser Begriff Räumlichkeit. Vielmehr war sie bloße Natur - ein zuweilen sehr unangenehmer Begleitzustand des Lebens.

Einer schönen Überlieferung zufolge bestieg der Dichter Francesco Petrarca im Jahr 1335, also zu Beginn der italienischen Renaissance, gerade den Mont Ventoux, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel und er die Tiefe des vor ihm sich auftuenden Blicks wahrnahm und somit die räumliche Landschaft entdeckt hat.

Tatsächlich aber hat die perspektivische Darstellung in den verschiedenen Epochen sehr unterschiedliche Bedeutung gehabt, und gerade die "Moderne" verzichtet wieder weitgehend auf sie.

Auch die Darstellung atmosphärischer Erscheinungen des Lichts und der Wechselbeziehung zwischen Natur und Mensch. Um 1560, also erst vor gut 400 Jahren, hat Peter Brueghel d.Ä. die jahreszeitlich bedingten Stimmungswechsel in der Natur wiedergegeben, und zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam die "ideale Landschaft" im Sinne einer Feiertagslandschaft auf, zu deren wichtigsten Vertretern Nicolai Poussin und Claude Lorrain zählten. Lorrain ist hier vielleicht besonders zu erwähnen, da er mit seinen idyllischen Landschaften große Resonanz in England fand und mit seine Ansichten die Entwicklung des Englischen Landschaftsgartens beförderte.

Überschlagen seinen die Romantik und der Klassizismus. Im 19. Jahrhundert eroberte sich die Landschaftmalerei die höchste Gunst des Publikums. Nach dem Realismus Menzels oder Böcklins bekam schließlich der Impressionismus eine besondere Bedeutung für die Darstellung von Landschaften. Die Freilichtmalerei wurde zur Regel, allerdings drohte der Impressionismus alle feste Form in Licht und Farbe aufzulösen. Dem begegneten Cezanne und Hodler und mit van Gogh ein Expressionist.

Wer die Abbildungen des Katalogs studiert, besser noch, wer aufmerksam durch die Ausstellung geht, wir die hier gemachten allgemeinen Anmerkungen zur Landschaftmalerei ohne weiteres verstehen. Der Künstler lässt sich nicht einem Stil zuordnen, oder andersrum gesagt: Eine Reihe der angeführten Charakteristika lässt sich in Kusbers Arbeiten entdecken. Räumlichkeit, Idealisierung, Realismus, Impressionismus, Expressionismus und Stimmung, vor allem Stimmung, sind Stichworte, auf die hin die einzelne Arbeit befragt werden sollte.

Das Bild "Fundstätte" könnte als symbolischer Ausgangspunkt für das Konvolut der gezeigten Arbeiten stehen. Keine intakte Landschaft. Über das sichtlich intensiv bearbeitete Gestein sucht sich eine sanft geschwungene Wiese wie eine heilende Schicht über den aufgerissenen Boden zu legen. Das Mineralische, das die Spuren des Lebensbeginns auf der Erde konserviert hat, ist bloßgelegt und wird mit Hammer und Meißel befragt. In mystischem Grün bietet sich die Öffnung einer Höhle im unteren Bilddrittel dar. Das Bild ist von geringer räumlicher Tiefe, ebenso wie "Im Wald sein", das fast flächig wirkt. Stämme und Zweige dicht stehender Bäume ergeben eine landschaftliche Textur, ein Gewebe, das dicht ist, doch durchlässig für das seitlich einfallende Licht. Es entsteht ein Moire mit den Formen gotischer Bögen. Man mag sich darüber streiten, ob hier ein Im- oder ein Expressionist am Werke war, wichtig ist die Stimmung, die der Maler der Natur abgewinnt: eine geheimnisvoll leuchtende Kathedrale. Ein Künstler mit solchem Blick zieht daraus für sich und den Betrachter der Arbeiten Gewinn.

"Und das Gute liegt so nah" - Einmal mehr Bäume, die "Kraatzsche Apfelweide", gewissermaßen ein Blick über den Zaun. Ein warmer Sommertag mit seiner Lichtflut. Hier muss man schon fast impressionistisch sehen und arbeiten. Im Prinzip einfach. Eine Fläche als Sommerwiese, möbliert mit zehn Bäumen und zwei Zaunpfählen. Die drei Bäume im Vordergrund sind Fichten. Sie absorbieren das Licht mit ihren tiefgrünen Nadeln und stellen den notwendigen Kontrast zur Helle des Gartenraumes her. Ja, es ist ein Garten, denn er ist - wissentlich oder nicht - gestaltet durch Gruppierungen. Oder war es das Künstlerauge ? Man sehnt sich danach, in diesen Garten zu treten und sich dort ein schattiges Fleckchen zu suchen.

Bäume gehören nun mal zur Landschaft, meistens. "Sturm im Herbst". Welch ein Unterschied ! Ein weiter Raum, in dem sich eine vom Wind gepeitschte BAumgruppe beugt. Hier sind wir der van Goghschen Expression auf der Spur. Das Herbstlaub wird flammend über die Ebene getrieben, Licht und Wind fallen von der gleichen Seite ein, doch mit einem Unterschied von 30 Grad. Das irritiert und steigert zugleich die Wucht des Schauspiels.

Und dann wieder die große Ruhe. Eine mit reifem Korn bestandene Anhöhe, ein blauer Himmel, ein Haus, an eine Baumgruppegelehnt. Wo kann es solche Farben geben ? Eine einzige entfernt stehende Zypresse versetzt den Betrachter unweigerlich in "Toscana I". Cezanne, das große Vorbild des Malers Joachim Kusber, winkt vom Berg Saint-Victoire herüber: Die Farben leuchten, sind gleichwohl diszipliniert. Die Kuppe der Anhöhe ist ein Ausschnitt des Erdkreises. Man denke sich das Gebäude fort, und sogleich nimmt die Idylle etwas Bedrohliches an. Über das Wesen der Dinge ...

Die zweite große Abteilung enthält die Arbeiten mir maritimem Motiven, z.B. "Schiffsfriedhof ?". Auf Bildinhalt und den stark expressiven Stil braucht nicht weiter eingegangen zu werden. Formal ist die mächtige Bewegung von Interesse, verursacht durch die kühn geschwungenen Schiffsplanken und Steven. Der Bezug liegt nahe. Diagonale und vertikale Bildelemente herrschen vor, nur die Uferlinie bildet im wahrsten Sinne des Wortes eine Horizontale. Diejenigen Schiffe, die noch flott sind, scheinen sich alle auf den Schiffsfriedhof zu zu bewegen.

Nur ein paar aus dem Wasser ragende Pfahlstummel repräsentieren dagegen die Vertikale eher andeutungsweise in "Ruhe am Meer". Alles ist weitflächig, windstill, das Wasser hat sich zurückgezogen, und die Sonne ist dabei, es ihm nachzutun. Ein leeres Boot liegt, gleichsam wartend, festgemacht an einem Pfahl. Das Meer eignet sich für die Darstellung solch ahnungsvoller Stimmungen vorzüglich.

Schließlich sei noch kurz auf eines der Aquarelle eingegangen. In "Abend im Ammerland" sind Himmel und Erde wie hingehaucht. Auch dies eine verlorene Landschaft, stünde dort nicht ein kräftig ausgeführtes Ammerländer Bauernhaus, geduckt , aber doch selbstbewusst, trotzig. Vier riesige Eichen umstehen das Gebäude und beschirmen es, ganz gleich vor welcher Gefahr. Ein winziges Zeichen menschlicher Präsenz findet sich durch den einladenden hellen Haustoreingang.

Überhaupt fehlt der Mensch in Kusbers Bildern, doch die Spuren menschlichen Handelns sind beinahe durchgängig vorhanden - sei es der Steinbruch oder  das Wattenmeer. Der Künstler setzt sich, wie könnte es in unseren Breiten anders sein, mit der kultivierten, möblierten, vielleicht gemaßregelten Natur auseinander, und zwar auf sublime Art. Man stelle jedem einzelnen Bild die Frage, wie es aussähe, wenn der Mensch nicht vorher da gewesen wäre.

Joachim Kusber ist kein Freilichtmaler. Er reist, er fährt auf der Suche nach Motiven an die Küste, interessiert sich für einen besonderen Blick und konserviert diesen in Form von Skizzen oder auch Fotografien als Erinnerungsstützen. Er arbeitet zu Hause, nachts oder an Wochenenden. Dann packt er die Skizzen aus, die Fotos und - das wichtigste - die eigene Erinnerung an jene Stimmung, die ihn beim Betrachten eines Landschaftsausschnittes erfüllte. Jede Arbeit für sich lebt von ihrer individuellen Stimmung,, die mit künstlerischen Mitteln verdeutlicht wird. Und die dem Betrachter in der Ausstellung leicht zugänglich ist.

Diese Malerei ist auch dem Laien gut verständlich. Doch man lasse sich nicht täuschen: Joachim Kusber ist kein Heimatmaler, auch wenn das Sujet in erster Linie norddeutsche Provenienz ist. Dieser Maler dokumentiert nicht die "Gegend", sondern er dokumentiert die eigene Stimmung beim Erblicken seines Motivs. Und er legt sich und uns immer wieder die Frage vor: Was bedeutet die Landschaft dem Menschen, was bedeutet der Mensch für die Landschaft ? Damit haben sich schon die Landschaftmaler der Renaissance auseinandergestezt.

 

Helmut Strobel

 
   
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